Nicht vergessen

Nicht vergessen

In den verschiedensten Bezirken Oberösterreichs gedenkt man in diesen Wochen der Opfer der Nationalsozialisten in den Jahren 1938 bis 1945.

Vor 80 Jahren kamen hunderte Oberösterreicherinnen und Oberösterreicher in Gefängnisse oder in KZ-Haft nach Mauthausen oder Dachau. Menschen, die nicht einverstanden waren mit dem „Zeitgeist“, dem „Ungeist“ des Nationalsozialismus. Die Haftgründe reichten von Rundfunkvergehen über unerlaubte Beziehungen zu Fremdarbeiterinnen, Schwarzschlachten, NS-kritische Bemerkungen bis hin zum Hochverrat. Aus dem Bezirk Kirchdorf waren über 120 Personen politisch verfolgt und inhaftiert, zu ihnen kommt eine große Zahl der in Hartheim ermordeten Kinder.

Frau Erna Putz, die große Biographin des Seligen Franz Jägerstätter, bemüht sich um ein Wachhalten, ein Gedenken an diese Opfer. In Steinbach am Ziehberg trafen sich Menschen um die Namen der Opfer zu nennen, ihre Schicksale erzählt zu bekommen und auch um für sie zu beten. In der Pfarrkirche Steinbach feierte Abt Nikolaus und Ortspfarrer P. Aloisius anschließend die Heilige Messe.

Steinbach am Ziehberg wurde nicht zufällig gewählt, von dort kam unser Mitbruder, P. Kassian Kitzmantel ins KZ Dachau. Er bekannte sich stets mutig zum christlichen Glauben und hatte mehrere Auseinandersetzungen mit dem örtlichen Parteiführer. Höhepunkt der Auseinandersetzung war die Predigt am Fronleichnamstag und die Übergroße Teilnahme der Bevölkerung und ihr demonstrativ lautes Singen der Kirchenlieder bei der Fronleichnamsprozession (die Musikkapelle durfte nicht teilnehmen). P. Kassian hat im KZ Schreckliches erlitten, wurde aber 1939 wieder entlassen und war lange Zeit Pfarrer in Steyrling. Zu den Verfolgten unseres Konventes zählte auch P. Bruno Brunner und der spätere Abt P. Berthold Niedermoser.

 

 

Die Predigt des Abtes:

 

Das Schielen auf den ersten Platz steckt in den meisten von uns tief drinnen. Nicht nur im Sport werden an die Ersten die Lorbeeren verteilt, während jene „unter den ersten Zehn“ gerade noch erwähnt und alle anderen unter „ferner liefen“ gereiht werden.
Auf diese Weise werden wir bewusst und unbewusst angespornt, die möglichst besten Leistungen zu erbringen und uns von Anfang an in die Leistungsgesellschaft einzuordnen.

Dies ist nicht generell schlecht. Auch in der Kirche kommen wir um leistungsorientiertes Denken und Handeln nicht herum.

Trotzdem bleibt der Anspruch Jesu, dass in der Kirche eine andere Rangordnung zu gelten habe, bestehen.

Im Evangelium dieses Sonntags fordert Jesus: „Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein.“ Er unterstreicht diesen Satz noch mit einer symbolträchtigen Aktion. Er schenkt einen Kind besondere Aufmerksamkeit und Zuwendung und misst dieser Handlung eine hohe theologische Bedeutung bei: “ Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf; wer aber mich aufnimmt, der nimmt nicht nur mich auf, sondern den, der mich gesandt hat.“

Der überaus kirchenkritische Schriftsteller Heinrich Böll hat ein bemerkenswertes Bekenntnis hinterlassen, als er einmal feststellte: „Ich weiß: die Geschichte der Kirchen ist voller Gräuel; Mord, Unterdrückung, Terror wurden ausgeübt und vollzogen, aber es gab auch Franziskus, Vincent, Katharina – und viele andere. Selbst die allerschlechteste christliche Welt würde ich der besten heidnischen vorziehen, weil es in einer christlichen Welt Raum gibt für die, denen keine heidnische Welt je Raum gab: für Krüppel und Kranke, Alte und Schwache, und mehr noch als Raum gab es für sie Liebe, für die, die der heidnischen wie gottlosen Welt nutzlos erschienen und erscheinen.“ (Heinrich Böll: Eine Welt ohne Christus).

Dabei geht es nicht um eine Bestätigung im Sinne „Wir sind eben doch die Besseren…“, oder „Die Kirche hat das bessere gesellschaftliche System…“. Ich lese die Anerkennung heraus, dass in der Kirche immer auch Platz für „Leistungslose“ war. Kinder, Alte, Behinderte, Leistungsschwache genießen nicht nur ein gesellschaftliches Gnadenbrot, sondern Personwürde. Das Ansehen, das sie bei Gott haben, gebührt ihnen auch im menschlichen Zusammenleben. Wie Jesus das Kind in die Arme nimmt und es Geborgenheit und Wärme spüren lässt, sollen auch uns, seinen heutigen Jüngerinnen und Jüngern, die gesellschaftlich Schwachen am Herzen liegen.
Wenn dies Leitlinie ist, kann man als Mensch und als Christ nicht in die Irre gehen. Heute gedenken wir hier solcher Menschen, Menschen, die in der größten menschlichen Verirrung, im tiefsten Tal menschlichen Seins, ihrem Gewissen und christlichen Leitmotiven treu blieben, die nicht taten, was man tut, sondern was Gottes Gebot forderte. Und das hatte für sie härteste Konsequenzen. Wenn wir heute ihre Namen nennen und ihrer in Ehrfurcht und Dankbarkeit gedenken, müssen wir sie als leuchtende Säulen für Gegenwart und Zukunft nennen und bedenken.

Die Konsequenzen einer Einstellung, wie Christus sie im heutigen Evangelium fordert, wie in allen Evangelien, diese Konsequenzen spielen auch in aktuelle politische Streifragen hinein.

Etwa in die Debatte um die Sterbehilfe. Noch vor der Frage, ob und in welcher Form Sterbehilfe geduldet werden soll, steht die Herausforderung, dass jeder Mensch sich so angenommen und gut aufgehoben wissen und fühlen kann wie das Kind auf den Armen Jesu.
Oder in der Frage, wie viel darf uns die Pflege alter, kranker oder behinderter Personen kosten. Noch vor der finanziellen und wirtschaftlichen Frage steht die Frage: Wie viel an persönlicher Zuwendung bin ich bereit zu geben?

Der Generationenvertrag scheint zu wackeln. Neben der Frage, wer zahlt wann wie viel und bekommt wann wie viel, geht es meines Erachtens eben so sehr um die Frage: Sind wir, bin ich gewillt, auch in Zukunft sowohl für die Jüngeren, die in finanzieller Hinsicht noch nichts, wie auch für die Älteren, die in finanzieller Hinsicht nicht mehr so viel leisten, zu sorgen und zu ihnen ein gutes Einvernehmen herzustellen.

Wenn ich die Frage nach dem Umgang mit dem Schwächeren stelle, ist es auch die Frage nach der Sprache und dem Umgang mit Sprache. Was sage ich zu wem, wie werte und urteile ich und dies ist letztlich auch die Frage nach politischen Umgangsformen.

Und letztlich können wir uns nicht vor der Frage drücken, wie wir mit Menschen anderer Kultur und anderer Religion im Europa des 21. Jahrhunderts umgehen. Wieweit ist Platz in einer der reichsten Gesellschaften und Kulturen die die Menschheit je erlebt hatte.

Unser leistungsorientiertes Leben bringt es mit sich, dass wir jene an den ersten Plätzen sehr genau beobachten und dass wir bewusst und unbewusst ständig auf der Suche nach noch Besseren sind. Damit schenken wir ihnen nicht nur unsere Aufmerksamkeit, sondern statten sie mit großer Macht aus. Ich bin überzeugt, dass sich vieles in unserer Welt änderte, wenn wir den Kleinen und Schwachen eben wo viel Aufmerksamkeit schenkten wie Jesus im Evangelium dieses Sonntags. Ich bin überzeugt, dass Gedenken wie heute hier in Steinbach nie enden dürfen, sie stellen uns Menschen vor Augen, die in der dunkelsten Epoche der Menschen helle Leuchten waren und so auch noch sind.

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